Es gibt Tage, an denen man mit schönen Erwartungen losfährt und mit viel mehr nach Hause kommt: mit neuen Eindrücken, spannenden Erkenntnissen und grosser Wertschätzung für die Menschen, denen man begegnen durfte.
Mein Besuch bei Alice und Michael in Raron im Wallis war genau so ein Tag.
Als Food Scout und Meat Sommelier beschäftige ich mich täglich mit Lebensmitteln, ihrer Herkunft und ihrer Qualität. Besonders wertvoll sind für mich die Momente, in denen ich selbst vor Ort sein darf: Tiere beobachten, ihre Umgebung kennenlernen und mit den Menschen sprechen, die sich täglich um sie kümmern.
Bei Yak Yak Alice durfte ich einen solchen Einblick bekommen. Ich habe junge und ältere Yaks gesehen, männliche und weibliche Tiere und Muttertiere zusammen mit ihren Jungen. Ich durfte entdecken, wo sie leben, wie viel Platz sie haben und was ihre Aufzucht ausmacht.
Dabei habe ich vieles gelernt. Vor allem aber durfte ich einen wunderschönen Tag erleben.
Alice und Michael - eine Familie und ihr besonderer Weg
Hinter Yak Yak Alice stehen Alice und Michael mit ihren Kindern Shanu, Aurel, Larissa und Sara.
Im Gespräch durfte ich erfahren, dass Anfang 2025 für die Familie ein neues Kapitel begann: ein Leben, dessen Alltag eng mit Natur, Wetter und Tieren verbunden ist.
Wenn man einen solchen Hof besucht, sieht man zunächst die Tiere und die Landschaft. Dahinter stehen Menschen, die jeden Tag Verantwortung übernehmen.
Für mich verdient dieser Schritt viel Respekt. Eine solche Entscheidung betrifft das ganze Familienleben. Die Tiere brauchen Betreuung, unabhängig davon, ob gerade Wochenende ist, das Wetter angenehm oder der Tag ohnehin schon vollgepackt ist.
Auch ihre Tochter Shanu hat die Landwirtschaft für sich entdeckt. Nachdem sie auf dem Hof mitgearbeitet und den Garten betreut hatte, begann sie im August 2025 im Evolenertal eine Zweitausbildung zur Landwirtin.
Solche Geschichten machen einen Betrieb für mich greifbar. Sie erzählen von persönlichen Entscheidungen und davon, wie aus einer gemeinsamen Idee ein eigener Lebensweg entstehen kann.

Vom Himalaya in die Walliser Bergwelt
Auf dem Biohof leben über 50 Yaks. Wie mir Alice und Michael erzählten, werden auf dem Hof bereits seit rund 15 Jahren Yaks gehalten. Die ursprünglich aus dem Himalaya stammenden Tiere sind trittsicher und eignen sich gut für die steilen Weiden.
Mich hat besonders gefreut, Tiere in ganz unterschiedlichen Lebensphasen aus der Nähe zu sehen: die Jungen bei ihren Müttern, die älteren Kühe und die männlichen Tiere.
Auf Fotos erkennt man ihr markantes Aussehen. Vor Ort beginnt man, genauer hinzuschauen. Man entdeckt Unterschiede im Körperbau, in den Hörnern und in den Bewegungen. Aus «den Yaks» werden einzelne Tiere, denen man mit viel mehr Aufmerksamkeit begegnet.
Diese Zeit zum Beobachten habe ich sehr genossen.




Viel Auslauf und ein Leben mit den Jahreszeiten
Besonders beeindruckt hat mich, wie viel Platz den Tieren zur Verfügung steht. Ich durfte sehen, wo sie sich frei bewegen können und wie ihre Umgebung aussieht.
Alice und Michael erklärten mir, dass die Tiere einen grossen Teil des Jahres draussen verbringen: bei Sonnenschein, bei Regen und auch bei Schnee. Wetter und Jahreszeiten gehören zu ihrem Alltag.
Gleichzeitig steht ihnen ein Laufstall zur Verfügung, in dem sie Heu bekommen. Besonders bei nasskaltem und windigem Wetter suchen sie diesen gerne auf. So haben sie neben dem grosszügigen Auslauf auch einen geschützten Rückzugsort.
Für mich war es wertvoll, diesen Lebensraum selbst zu sehen. Wenn ich mich mit Herkunft und Tierhaltung beschäftige, möchte ich verstehen, wie eine Beschreibung in der Praxis aussieht. Wo bewegen sich die Tiere? Wie wachsen die Jungen auf? Wie leben die verschiedenen Altersgruppen zusammen?
Bei meinem Besuch konnte ich mir davon einen persönlichen Eindruck machen. Die Muttertiere mit ihren Jungen zu sehen, gehörte für mich zu den schönsten Momenten.





Sommer im Bietschtal - Freiheit und Verantwortung
Die Sommer verbringen die Yaks im Bietschtal. Alice und Michael erzählten mir, dass die Alp nur zu Fuss über eine ungefähr vierstündige Wanderung erreichbar ist.
Schon die Vorstellung, eine ganze Herde über teilweise schmale und steile Wege zu begleiten, lässt erahnen, wie viel Erfahrung und Aufmerksamkeit dafür nötig sind.
Zum Leben in den Bergen gehören aber auch Herausforderungen. Im Juli 2025 beschädigte ein Unwetter Brücken und Wege im Tal und erschwerte den Zugang zur Herde.
Hinzu kommen die vielen Arbeiten im Jahresverlauf: Wege und Zäune kontrollieren, Reparaturen erledigen, Heu für den Winter einbringen und die Rückkehr der Tiere vorbereiten.
Hinter dem eindrucksvollen Bild einer Herde auf der Alp steckt somit sehr viel Arbeit. Bei meinem Besuch habe ich einmal mehr gespürt, wie wichtig es ist, auch diese Seite kennenzulernen.


Ein langes Leben: Die älteste Yakkuh wurde 22 Jahre alt
Eine Information hat mich besonders beeindruckt: Wie mir erzählt wurde, können Yaks etwas über 20 Jahre alt werden. Die älteste Yakkuh auf dem Hof wurde sogar 22 Jahre alt.
Wenn man gleichzeitig die jungen und die älteren Tiere sieht, bekommt diese Zahl eine andere Bedeutung. Zwischen einem kleinen Kalb und einer alten Kuh liegen viele Sommer, viele Winter und ein langes Leben in der Herde.
Ältere Kühe, die keine Kälber mehr bekommen, dürfen bei Alice und Michael ihren Lebensabend auf dem Hof verbringen. Die männlichen Jungtiere wachsen rund drei Jahre auf, bevor sie geschlachtet und möglichst vollständig verwertet werden.
Für mich gehören diese Informationen zu einer ehrlichen Auseinandersetzung mit der Herkunft von Fleisch. Dazu zählen das Leben eines Tieres und die Verantwortung bis zu seinem Ende.




Zeit zum Wachsen, bevor eigener Nachwuchs kommt
Auch über die Fortpflanzung durfte ich dazulernen.
Wie mir erklärt wurde, wird eine erste Belegung der jungen Weibchen idealerweise etwa ab drei Jahren angestrebt. Sie können zwar bereits früher geschlechtsreif sein. Entscheidend ist aber auch, wie weit sie körperlich entwickelt sind.
Der zusätzliche Entwicklungszeitraum gibt ihnen Gelegenheit, weiter heranzuwachsen und körperlich stabiler zu werden, bevor sie selbst ein Kalb austragen.
Diesen Unterschied zwischen «bereits möglich» und «für das Tier passend» finde ich wichtig. Er zeigt, wie viel Wissen und Beobachtung hinter einer verantwortungsvollen Zucht stehen.

Wenn ein Kalb besondere Unterstützung braucht
Bei meinem Besuch habe ich auch von einer schwierigen Situation erfahren, die bei Zwillingsgeburten auftreten kann: Eine Mutter nimmt unter Umständen nur eines der beiden Jungen an und weist das andere zurück.
Für das zurückgewiesene Kalb kann zusätzliche Fürsorge dann überlebenswichtig werden.
Alice und Michael erzählten mir, dass eine Aufzucht von Hand möglich sein kann. Dazu kann speziell angereicherte, im Gespräch als «verdickt» beschriebene Kuhmilch eingesetzt werden. Entscheidend ist eine auf die Bedürfnisse des Yak-Kalbes abgestimmte Versorgung.
Dieser Einblick hat mich berührt. Wer Tiere hält, muss auch erkennen, wenn etwas nicht wie erhofft verläuft, und die nötige Betreuung übernehmen.
Das erfordert Zeit, Aufmerksamkeit und Erfahrung.



Die Hörner und der Vergleich mit dem Rennvelo
Ein kleines Detail werde ich ebenfalls in Erinnerung behalten: die unterschiedlichen Hornformen.
Bei meinem Besuch wurde mir erklärt, dass die Hörner bei den unkastrierten männlichen Tieren auf dem Hof eher nach vorne gerichtet sind, während sie bei den kastrierten Tieren stärker nach hinten geschwungen wachsen können.
Der Vergleich dazu war wunderbar anschaulich: wie die gebogenen Hebel an einem Rennvelolenker.
Seitdem schaue ich auf die Hörner noch einmal mit ganz anderen Augen. Solche Erklärungen machen einen Hofbesuch spannend. Man entdeckt etwas, an dem man sonst vielleicht einfach vorbeigeschaut hätte.


Futter vom Hof und möglichst vollständige Verwertung
Die Yaks erhalten hofeigenes Futter. Während der Weidesaison fressen sie auf den Wiesen und Weiden. Im Winter besteht ihre Fütterung ausschliesslich aus Heu, ergänzt durch etwas Mineralstoffe. Das Heu wird ihnen im Laufstall angeboten.
Ihr Mist wird wiederum zur Düngung der Wiesen und Weiden eingesetzt - so schliesst sich der Kreislauf auf dem Hof.
Alice und Michael erklärten mir auch, wie wichtig ihnen die möglichst vollständige Verwertung ist. Neben Fleisch werden Wolle, Felle und Knochen genutzt. Zum Hof gehören zudem Kräuterprodukte und Salben.
Dieser Gedanke beschäftigt mich auch beruflich. Wenn wir tierische Lebensmittel nutzen, sollten wir uns ebenso mit der Verwendung der weiteren Bestandteile auseinandersetzen.
Für mich wächst die Wertschätzung eines Produkts, wenn ich seine Herkunft besser verstehe. Wenn ich weiss, welche Arbeit dahintersteht und welche Entscheidungen seine Entstehung geprägt haben.
Auch der Genuss hat auf dem Hof seinen Platz. Es werden gemeinsame Gourmetanlässe mit Hofprodukten organisiert. Dabei kommen sowohl Yakfleisch als auch vegetarische Gerichte auf den Tisch.
So wird die Verbindung zwischen Landwirtschaft und Küche auch kulinarisch erlebbar.




AUF EINEN BLICK
Wissenswertes über Yaks
Das Wichtigste aus meinem Besuch
- Herkunft
- Yaks stammen ursprünglich aus dem Himalaya und sind an das Leben in Bergregionen angepasst.
- Trittsicherheit
- Sie kommen mit steilem Gelände gut zurecht und eignen sich für die Bewirtschaftung von Bergweiden.
- Alter
- Yaks können etwas über 20 Jahre alt werden. Die älteste Yakkuh auf dem Hof wurde 22 Jahre alt.
- Nachwuchs
- Junge Weibchen können früher geschlechtsreif werden. Auf dem Hof wird eine erste Belegung idealerweise etwa ab drei Jahren angestrebt, abhängig von ihrer körperlichen Entwicklung.
- Zwillingsgeburten
- Es kann vorkommen, dass die Mutter eines der beiden Kälber zurückweist. Dann kann eine betreute Handaufzucht nötig werden.
- Fütterung auf dem Hof
- Die Tiere erhalten hofeigenes Futter. Im Winter bekommen sie ausschliesslich Heu, ergänzt durch etwas Mineralstoffe.
- Haltung bei Yak Yak Alice
- Die Tiere haben viel Auslauf und verbringen einen grossen Teil des Jahres draussen. Ein Laufstall dient als Futterplatz und geschützter Rückzugsort, den sie besonders bei nasskaltem und windigem Wetter gerne aufsuchen.
- Alpsommer
- Ihre Sommer verbringen die Yaks im Bietschtal. Der Weg zur Alp dauert zu Fuss ungefähr vier Stunden.
- Verwertung
- Neben Fleisch können auch Wolle, Felle und weitere Bestandteile genutzt werden.
Danke, Alice und Michael
Liebe Alice, lieber Michael
Vielen Dank, dass ich euch und eure Yaks besuchen durfte. Danke für eure Zeit, eure Offenheit und die vielen spannenden Informationen.
Ich durfte viel Schönes entdecken: die Jungen bei ihren Müttern, die älteren Tiere, den grosszügigen Lebensraum und viele Details, die ich vorher noch nicht kannte.
Besonders schätze ich, dass ihr mir Einblicke in euren Alltag gegeben habt - mit all den schönen Momenten, aber auch mit den Aufgaben und Herausforderungen, die dazugehören.
Für meine Arbeit sind solche Begegnungen unglaublich wertvoll. Sie helfen mir, Herkunft besser zu verstehen und die Geschichten hinter unseren Lebensmitteln mit mehr Wissen und Wertschätzung weiterzuerzählen.
Ich nehme viele schöne Erinnerungen mit und grossen Respekt vor der Verantwortung, die ihr gemeinsam mit eurer Familie täglich tragt.
Danke für diesen wunderschönen Tag in Raron. Die Begegnung mit euch und euren Tieren wird mir lange in Erinnerung bleiben.
Christian Welti

